Du weißt, dass sich was verändern muss. Vielleicht schon seit Monaten. Vielleicht länger. Du hast alles versucht. Listen. Gespräche. Sport. Podcasts über Mut und Veränderung. Und trotzdem liegst du nachts wach. Und trotzdem stehst du noch da. Abwägend. Zögernd. Du fängst mit deinen Überlegungen immer wieder von vorn an. Vielleicht fragst du dich inzwischen, was mit dir eigentlich nicht stimmt. Warum kannst du dich einfach nicht entscheiden? Warum bekommen andere das scheinbar so leicht hin, während du dich im Kreis drehst und dich fragst, warum deine sonst so verlässliche Klarheit dich ausgerechnet jetzt im Stich lässt.
Viele beginnen zu denken, ihr Zögern sei ein Anzeichen von Unsicherheit oder fehlendem Mut. Ich will dir sagen: Daran ist gar nichts falsch. Uns es lohnt sich mal genauer hinzuschauen, warum Entscheiden manchmal so schwer ist.
Als Coach für berufliche Neuorientierung erlebe ich es immer wieder: Was Frauen an beruflichen Wendepunkten wirklich aufhält, ist nicht primär fehlendes Handwerkszeug rund um ihr Profil und Bewerbungsstrategien, sondern die Gedankenschleifen rund um die anstehende Entscheidung selbst.
Eine Entscheidung brauchst du nur, wenn der Ausgang unklar ist.
Fangen wir mit etwas an, das simpel klingt und trotzdem vieles verändert, wenn man es wirklich durchdenkt. Eine Entscheidung musst du nur dann treffen, wenn du nicht weißt, was richtig oder falsch ist oder wenn es kein richtig oder falsch gibt. Klingt banal. Ist es aber nicht. Wenn du ohne Zweifel wüsstest, welche Option die bessere ist, dann wäre es keine Entscheidung, sondern eine Erkenntnis. Auch dann ist die Umsetzung nicht immer leicht, aber der Zweifel ist weg.
Du musst dich immer dann entscheiden, wenn verschiedene Optionen auf unterschiedliche Weise wertvoll sind. Natürlich ist das nicht einfach. Du bist nicht zu langsam, zu ängstlich oder zu schwach. Du stehst vor einer echten, offenen Frage. Vielleicht zeigt dir dein Zögern sogar, dass du dir der Komplexität der Möglichkeiten bewusst bist und dir verschiedene Werte gleichzeitig wichtig sind.
Die Illusion vom richtigen Weg
Was das Entscheiden erschöpfend macht, ist oft nicht die Entscheidung selbst. Es ist der Druck der damit verbunden ist. Der Gedanke: „Ich muss das Richtige wählen!“ oder „Ich darf keinen Fehler machen!“
Dahinter steckt eine Annahme, die ich immer wieder beobachte. Die Annahme, es gäbe nur richtig oder falsch. Hier die gute Option, da die schlechte. Du musst nur herausfinden, welche das jeweils ist und schon wird alles klar. Ich denke, da ist einer der größten Irrtümer beim Thema entscheiden.
Echte Entscheidungen über den nächsten Schritt auf deinem Berufsweg führen dich in eine Richtung. Nicht die richtige oder die falsche, sondern in eine bestimmte. Was auf diesem Weg passiert, welche Türen sich öffnen oder schließen, welche Menschen du triffst, was du lernst, was du bereust, was dich überrascht: All das ist nicht vorhersehbar. Nicht, weil du schlecht planst, sondern weil du es nicht vorhersehen kannst. Natürlich haben alle Entscheidungen Konsequenzen, die du manchmal schon absehen kannst, oft aber auch nicht.
Auch, wenn du schon einen Teil der Konsequenzen kennst, kannst du dennoch nicht wissen, wie es geworden wäre, wenn du den anderen Weg gegangen wärst. Du erinnerst dich nur an das, was du gelebt hast. Die Frage „Wäre die andere Option die bessere gewesen“ ist eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Weil es keine Vergleichsgruppe gibt. Weil du nicht gleichzeitig zwei Leben leben kannst.
Was wirklich hinter deinem Zögern steckt
Wenn die Frage also nicht ist, was richtig oder falsch ist, warum fühlt es sich dann so an? Weil hinter vielen schwierigen Entscheidungen eine tiefere Frage steckt: Was verliere ich und ist es „richtig“ das aufzugeben?
Das gilt besonders dann, wenn du schon viel aufgebaut hast z.B. Anerkennung, Zugehörigkeit, Sicherheit, dann bedeutet jede Veränderung auch etwas Vertrautes aufzugeben. Etwas aufzugeben, dass du kennst, dass du dir erarbeitet hast. Und wofür? Für das Unbekannte. Für etwas, von dem du noch nicht weißt, noch nicht wissen kannst, wie es sein wird. Als ich mit einem meiner früheren Chefs über meine mögliche Kündigung gesprochen habe und dabei sehr hin und her gerissen war, hat er zu mir gesagt: „Das ist halt am Ende immer auch ’ne Wette“ und damit hatte er sehr recht. Veränderung bedeutet immer auch ein Risiko einzugehen und dabei nicht alles selbst bestimmen oder steuern zu können.
Dazu kommt, dass Entscheidungen rund um berufliche Neuorientierung oft sich widersprechende Werte sichtbar und fühlbar machen. Da geht es um Loyalität vs. Weiterentwicklung, Verantwortungsbewusstsein vs. Verwirklichung. Du willst „das Richtige“ tun und tust deshalb lieber erstmal gar nichts und triffst damit auch eine Entscheidung.
Diese Sehnsucht nach Absicherung ist kein Zeichen von fehlendem Mut. Sie ist menschlich. Es gibt da etwas in deinem Leben, dass du nicht leichtfertig aufgeben willst. Das ist keine Schwäche. Und doch kann sie zur Falle werden, wenn du dir dauerhaft so etwas sagst wie: „Warte noch! Du weißt es noch nicht sicher genug. Du kannst erst entscheiden, wenn du alle Antworten hast!“
Diese Sicherheit wirst du nie bekommen. Nicht, weil du zu wenig nachgedacht hast, sondern weil sie nicht existiert. Gewissheit über die Folgen einer Entscheidung kann es nicht geben.
Wie damit umgehen?
Viele versuchen immer noch mehr Klarheit zu bekommen. Sie erstellen Listen, führen Gespräche, sammeln Informationen. Das ist nachvollziehbar und doch oft nicht das, was helfen würde. Das Problem ist oft genug nicht, dass du zu wenig weißt. Was dich aufhält, ist das, was du noch nicht weißt. Mehr Informationen führen nicht unbedingt dazu, dass du wirklich voran kommst. Sie führen zu noch mehr Fragen, noch mehr Abwägen. Du brauchst keine weitere Recherche, keine neue Pro & Contra Liste, sondern einen ehrlicheren Blick auf das was hinter deiner Frage steckt.
Wenn du gerade mitten in ein einer solch offenen Entscheidungssituation steckst und nicht weiterkommst, dann ist das ein Zeichen dafür, dass du vor einer wichtigen Entscheidung stehst. Bevor du diesen Artikel schließt, nimm dir Zeit für diese Frage:
Wenn die Sicherheit, die du dir wünscht, nicht existiert. Wenn keine Liste und kein Gespräch dir Gewissheit bringen kann: Was hält dich dann wirklich auf?
Schreib es auf. Nicht, was du denkst, dass andere gern hören wollen. Nicht, was du eigentlich sagen solltest, weil es gut klingt. Sondern das, was du wirklich fühlst.
Wenn du dir bei deiner Entscheidungsfindung Unterstützung wünschst: Ich bin da. Lass uns sprechen.